Borkum, die Insel der Sonnenuntergänge
Romantische Abende am Strand
von Wolf Schneider
Die Nordsee, da will sie hin. „Nordsee“, das klingt für sie irgendwie kalt, fremd, wild – zumindest auf der Weltkugel vor ihr ist ja der Nordpol ihrem Reiseziel ziemlich nahe. Ihr Urgroßvater Hermann ist vor langer, langer Zeit aus Ostfriesland nach Australien ausgewandert. Er lebt schon lange nicht mehr, aber die Geschichten von ihm wabern noch immer wie verschwommene Erzählungen durch ihre Familie. Fischer sei er gewesen, ein harter Job, selbst in kältesten Wintern sei er hinausgefahren durch einen Fluss mit dem Namen Ems, hinaus auf die Nordsee.

Doch alles wird ganz anders, besonders abends am Meer. Die Streifen der Sonne auf dem Wasser sind erst silberfarben, ändern sich dann zu Gold und werden dann immer roter, bis das Wasser einem glühenden Lavastrom gleicht. Ein Moment, der eigentlich aber wie ein Schauspiel ist, perfekt einstudiert von der Natur. Und dieses Naturschauspiel wollen viele sehen. Hunderte stehen, sitzen und gehen dort. Kinder, Jugendliche, Erwachsene, eng umschlungene Liebespaare und begierig wartende Hobbyfotografen. Und alle stellen sich immer wieder die gleiche Frage: „Fällt sie in das Meer?“ Der Sonnenball steht nun ganz im Westen. Scheinbar schneller werdend, nähert er sich dem Horizont. Das Wasser der Nordsee ist inzwischen glutrot. Noch ist der Ball rund und berührt den Horizont. Ein Raunen geht durch die Menge. Gläser klingen, Kameraverschlüsse klicken, die höchste Erregung des Publikums ist erreicht: Sie fällt ins Wasser. Aus der Kugel wird ein ovaler Körper, die erste Hälfte versinkt, die zweite kurz danach, bis nur noch ein glühender Streifen verbleibt.
Reportage: 138 Zeilen à 40 Anschläge; 5.967 Zeichen (mit Leerzeichen)
